Von Ruhe und Gelassenheit

Ich habe das Gefühl, zu ertrinken. Nicht, weil ich kein guter Schwimmer bin. Im Gegenteil, ich fühle mich sogar wohl im Wasser. Und das Wasser ist auch nicht kalt, sondern es umschließt mich wohlig warm von allen Seiten und trägt mich an seiner Oberfläche. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass ich hier hingehöre, dass das schon alles so richtig ist. Das Wasser ist nicht still, es strömt sogar ziemlich stark. Und immer wieder schwappen kleine Wellen über meinen Kopf. Aber ich kann mich nicht frei bewegen. Ich werde bedrängt. Von allen Seiten ertönen Rufe. Arme greifen nach mir, ich schaue in aufgeregt blickende Gesichter. Ich verstehe nicht so ganz, was sie sagen. Meine Ohren sind immer wieder kurz unter Wasser, und dazwischen nehme ich nur Wortfetzen wahr. „Wenn du es so machst, dann wirst du glücklich!“, „…Sinn des Lebens erfahren…“, „…Weg zur Zufriedenheit…“, „…uneingeschränkte Gesundheit…“.

Sie bieten mir alle an, mich aus dem Wasser zu ziehen, mir Halt zu bieten. Gleichzeitig spüre ich auch, dass ich meine Beine nicht frei bewegen kann. Am Boden scheinen Schlingpflanzen und Treibholz zu sein. Ganze Baumstämme mit Ästen dran, die verhindern, dass ich mich selbst über Wasser halten kann. Irgendwie bin ich auf die Hilfe der Gesichter angewiesen. Wenn ich doch nur wenigstens meine Beine frei bewegen könnte! Immer wieder kann ich für einen kurzen Moment frei strampeln, kann mir etwas Luft verschaffen. In meinem Blickfeld sind nur Hände, Arme, Köpfe und Gesichter. Ich fühle mich hilflos, eingeengt. Jedes Mal, wenn ich mich an einer der helfenden Hände festhalte und den tiefen Blickkontakt mit dem Menschen hinter dem Gesicht suche, ist es als fiele ein Vorhang und ich erkenne, was wirklich dahintersteckt. Ein Mensch, der selbst überleben möchte. Der auch nur im Wasser strampelt. Der mir sagt, was ich hören will, damit ich nach seiner Hand greife. Und wenn ich nach seiner Hand greife, kommt auch er mit dem Kopf etwas weiter aus dem Wasser hervor. Also greife ich erst gar nicht mehr nach den anderen Händen, denn wir sind alle im Wasser, jeder sorgt sich um sein eigenes Wohl.

Und dann, immer mal wieder, in all dem Trubel und zwischen der ganzen Strampelei und Anstrengung entdecke ich ein gelassenes Gesicht. Ich muss mich bemühen, das Gesicht nicht aus den Augen zu verlieren. Der Mensch, zu dem das Gesicht gehört, scheint sich auf dem Rücken treiben zu lassen. So wie ich ist auch er im Wasser, doch er reagiert nicht auf die Rufe der anderen. Er vermeidet die Baumstämme und Schlingpflanzen geschickt, da er einfach an der Oberfläche treibt. Der Blick ist ruhig und mit offenen, freundlichen Augen zum Himmel gerichtet. Beobachtend, entspannt und nicht suchend. Die Ohren sind ganz unter Wasser. Er scheint die Rufe, die Hände, die Arme, die auch an ihm zerren wollen gar nicht wahrzunehmen. Seine ganze Existenz strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Er sticht nicht hervor aus der Masse der Marktschreier, er fällt nicht einmal auf. Er tut nichts, um aktiv auf sich aufmerksam zu machen. Und wenn ich nicht immer wieder aktiv nach ihm suchen würde, hätte ich ihn vermutlich nie entdeckt. „Wie schafft er das nur?“. Der Gedanke schießt mir sofort in den Kopf. „Hey!“, höre ich mich rufen. „Heeeey!!!“. Ich möchte ihn unbedingt auf mich aufmerksam machen. Aber er reagiert nicht. Er scheint so entspannt und so abwesend zu sein, dass er auch auf meine Rufe nicht reagiert. Wie macht er das nur?

Immer wieder werde ich von den Marktschreiern berührt, teilweise drücken sie mich sogar unter Wasser, um mich unter Druck zu setzen nach ihrem Arm zu greifen, ihre Hilfe anzunehmen. Ich strenge mich an, den gelassenen Mann nicht aus den Augen zu verlieren. Seine Ruhe und seine Gelassenheit strahlen so eine Anziehungskraft auf mich aus, dass ich unbedingt so sein möchte wie er. Er wirkt so unabhängig von dem ganzen Trubel und doch unglaublich präsent und mitten im Geschehen. Plötzlich kommt mir ein Gedanke in den Sinn: Das einzige, was mich von ihm unterscheidet, ist dass er auf dem Rücken treibt. Er trägt keine Schwimmweste und hat ansonsten auch keinerlei Hilfsmittel. Trotzdem habe ich Angst davor, mich auf den Rücken zu drehen. Was, wenn mich die Arme dann unter Wasser drücken? Was, wenn mir die kleinen Wellen dann in Mund und Nase schwappen? Mein Herzschlag wird schneller. Ich habe Angst davor, es ihm nachzumachen. Allerdings ist meine aktuelle Situation so ausweglos, dass mir keine andere Wahl bleibt. Vorsichtig manövriere ich meinen Körper in Rückenlage. Sofort schlucke ich Wasser, drehe mich gleich wieder zurück. Ich huste, strample und kämpfe. Ich bin wütend auf die Marktschreier. Mein Versuch, mich auf den Rücken zu drehen, scheint sie anzuspornen noch energischer an mir zu zerren. Als schienen sie zu spüren, dass ich mich von ihnen losreißen möchte. Wieder greifen sie nach mir, mein Schienbein schlägt erneut gegen einen spitzen Ast. Alles in mir möchte aus der Situation ausbrechen. Ich hole tief Luft, möchte wenigstens für einen Moment untertauchen und mich vor den rufenden Gesichtern und greifenden Armen verstecken. Ich tauche unter. Ruhe. Wasser dringt in meine Ohren, unter Wasser ist es komplett still. Mit geöffneten Augen erkenne ich, was ich ohnehin vermutet hatte: Die Körper zu den Gesichtern. Auch sie strampeln, müssen dem Treibholz und den Schlingpflanzen ausweichen. Obwohl es unter Wasser still ist, erkenne ich die Panik in ihren Bewegungen. Die Stille in meinen Ohren hilft mir dabei, neuen Mut zu fassen. Ich habe den gelassenen Mann zwar aus den Augen verloren, dennoch habe ich sein Bild noch fest vor Augen. Ruhig und mit ganz gezielten Arm- und Beinbewegungen drehe ich mich auf den Rücken. Auch dieses Mal schwappt mir zuerst Wasser über Mund und Nase und in die Augen, doch es gelingt mir, die Luft noch ein wenig länger anzuhalten. Vorsichtig hole ich Luft. Einmal, zweimal. Dann halte ich die Luft wieder kurz an. Die Augen halte ich geschlossen. Ich vertraue darauf, dass das Wasser mich trägt. Nach wie vor spüre ich, dass das Wasser unruhig ist. Die rufenden Gesichtern und wirbelnden Arme verursachen schließlich ganz schön viel Bewegung. Meine Bewegungen aber werden ruhiger. Mit ganz wenig Aufwand kann ich mich über Wasser halten. Und zum ersten Mal seit ich im Wasser bin habe ich das Gefühl, eins zu sein. Eins zu sein mit dem Wasser. Das wohlig warme Wasser und ich, wir haben die gleiche Geschwindigkeit. Je weniger ich versuche daran zu ändern, desto mehr wird mir diese Verbindung bewusst. Es strömt nicht an mir vorbei, sondern ich fließe mit ihm. Und dann, ganz wie von allein, öffne ich meine Augen. An den Rändern meines Sichtfeldes erkenne ich die Arme und die Gesichter. Aber ich sehe vor allem eines: Tiefstes blau. Stimmt, der Himmel. Er war die ganze Zeit da, doch nie habe ich ihn gesehen. Ich habe mich immer nur auf die anderen konzentriert. Mir scheint als hätte ich noch nie in meinem Leben so ein schönes blau gesehen. Der Blick in das tiefe blau löst noch viel mehr Ruhe in mir aus, so dass ich die Bewegungen am Rande meines Sichtfeldes beinahe schon ausblenden kann. Das Atmen fällt mir mittlerweile noch viel leichter. Ganz automatisch halte ich den Atem an, wenn mich eine kleine Welle überspült. Ich werde nicht mehr überrascht, es passiert einfach. Und ansonsten atme ich kontrolliert und ruhig. Ich muss noch einmal an den gelassenen Mann denken. Ich kann ihn nicht mehr sehen, aber es ist mir egal. Der Gedanke an ihn löst auch in mir ein Lächeln aus. Ich bin immer noch im gleichen Wasser, mit den gleichen rufenden Gesichtern, die mit ihren wild fuchtelnden Armen nach mir greifen. Doch allein die Präsenz und das Vorbild des gelassenen Mannes haben mich gelehrt, es ihm gleich zu tun. Er hat mir nichts versprochen, er wollte nicht, dass ich ihn über Wasser halte. Und trotzdem war sein Beitrag zu meinem Glück und meiner Zufriedenheit viel größer als alles, was die Gesichter jemals für mich getan haben. Ich muss wieder lächeln. Und ganz automatisch denke ich daran, ob wohl mich jetzt jemand im Wasser treiben sieht, wie ich an der Oberfläche bleibe, ohne zu strampeln, ohne zu rufen und ohne andere unter Wasser zu drücken. Der Gedanke daran, für jemand anderen der gelassene Mann zu sein, erfüllt mich mit tiefster Freude, und ich spüre, wie meine Augen zu leuchten beginnen.