Du machst einen Sport ohne Wettkampf?! Fehlt dir da nicht das Gewinnen?

Ich kann mich noch gut an das Gespräch mit meinem Arbeitskollegen erinnern: Auf dem Gang, mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Er stand damals kurz vor der Rente und war sein Leben lang schon aktiv im Fußball: Als Spieler, Trainer, Unterstützer, Mentor. Gerade hatte ich ihm von meiner Begeisterung für Méthode Naturelle und Parkour erzählt. Von dem Prinzip der zehn Disziplinen bei Méthode Naturelle und dem gemeinsamen Training ohne Wettbewerb, sowohl bei Méthode Naturelle als auch Parkour.

„Also eigentlich sowas wie Zehnkampf. Warum machst du dann nicht gleich Zehnkampf?“

Ja, Méthode Naturelle besteht aus zehn Disziplinen, aber ohne Wettkampf. Jeder entwickelt sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten weiter, um sich kontinuierlich zu verbessern und das Bestmögliche aus sich herauszuholen. Man vergleicht sich schon mal miteinander, klar. Es geht aber nicht darum, wer „besser“ oder „schneller“ ist. Der Vergleich dient höchstens dazu, sich gegenseitig anzuspornen, mehr an Techniken zu arbeiten oder Blockaden im Kopf zu überwinden. Wenn sich bei zwei Menschen von etwa gleicher Statur und Kraft einer deutlich besser „bewegt“, kann es rein an der Kraft nicht liegen.

„Aha. Aber das heißt doch, du kannst nicht gewinnen. Fehlt dir das dann nicht?”

Eines der großen Probleme unserer Gesellschaft. Schon mit der Muttermilch bekommen wir den Auftrag „besser“ zu sein. „Gut“ sein bzw. sich zu verbessern reicht einfach auf lange Sicht nicht. Besser als die anderen Kindern im Kindergarten, als der Nachbar, besser als der Mensch der an der Bushaltestelle Flaschen sammelt. Und zwar nach den Regeln der Gesellschaft, in allen Bereichen unseres Lebens. Das Konzept ist attraktiv: einfach messbar und dadurch für alle verständlich. Um zu messen, wer zuerst über die Ziellinie rennt oder welche Mannschaft mehr Tore schießt, braucht es nicht viel. Da bleibt kein Raum für Interpretation.
Nur was hinterher auf der Uhr oder der Anzeigetafel steht, bleibt im Gedächtnis. Über den Rest wird nachher nicht mehr gesprochen. Einer gewinnt, einer (bzw. der Rest) verliert.

 

Es muss nicht immer das Siegertreppchen sein

Modelle und Analogien verstehen wir gut. Für Méthode Naturelle und Parkour im Besonderen sehe ich es so, dass jeder von uns seine eigene Treppe des Fortschritts hat. Jedes Mal, wenn ich etwas erreiche, das für mich von Bedeutung ist, gehe ich einen Schritt nach oben. Manche Absätze auf der Treppe sind etwas länger, manchmal bleibe ich für eine Zeit auf einer Stufe stehen. Wie hoch die Stufen sind, und wann ich eine Stufe höher steige, habe ich selbst in der Hand.

Ein Erfolgserlebnis ist ein komplizierter hormoneller Vorgang im Körper. Ein Gefühl, das viele Menschen nur bekommen können, wenn sie tatsächlich gewinnen, und zwar im Sinne von siegen bzw. besiegen. Manchen Menschen reicht es nicht, eine Stufe höher zu steigen, oder die Position auf einer Stufe ihrer eigenen Treppe zu festigen. Für viele stellt sich das Erfolgserlebnis nur ein, wenn sie auf den Stufen “unter” sich andere Menschen sehen.

Ich behaupte nicht, dass wir uns bei sportlichen Wettkämpfen alle an den Händen fassen und im Kreis tanzen sollen, statt gegeneinander anzutreten. Wo Wettkampf drauf steht, sollte auch Wettkampf drin sein. Allerdings passiert das Gewinnen bzw. das Erfolgserlebnis bei dir im Kopf . Das heißt, was um dich herum passiert ist eigentlich egal. Ob sich das Gefühl der Genugtuung einstellt, bestimmst ganz allein du.

 

Probier es aus!

Méthode Naturelle und Parkour helfen dir dabei, deinen eigenen Fortschritt besser beurteilen zu können und Erfolgserlebnisse ins richtige Licht zu rücken. So kannst du strukturiert Stufe für Stufe an dir selbst arbeiten. Das schließt außer deiner offensichtlichen körperlichen Weiterentwicklung auch die geistige Weiterentwicklung ein, aber dazu später noch mehr.

Ich habe versucht meinem Kollegen das Prinzip zu erklären, den eigenen Fortschritt zu „messen“ bzw. viel mehr zu „beobachten”. Es zur Zielsetzung zu machen, sich kontinuierlich zu verbessern und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten weiterzuentwickeln und dadurch zu Erfolgserlebnissen zu kommen. Das ist deutlich komplexer als einen Gegner zu besiegen. Denn die Fortschritte, die ich mache, kann ich nicht eins zu eins mit einem Maßband oder einer Skala messen. Erfolgserlebnisse gibt es trotzdem genug. Wenn ich heute besser bin als ich gestern war, hab ich schon gewonnen. Den Maßstab bzw. das Handwerkszeug dafür lerne ich nach und nach.
Ob er wirklich verstanden hat, wie das aussehen kann, kann ich nicht beurteilen. Ich bin mir aber sicher, dass er es nicht nachvollziehen konnte, dass man damit sehr zufrieden und glücklich sein kann, ohne dass irgendwer dabei verlieren muss.

Gib dem Prinzip eine Chance. Such dir ein Parkourtraining oder Méthode Naturelle in deiner Nähe. Mich hat es in vielerlei Hinsicht unheimlich weitergebracht. Und das wird es dich auch, da bin ich mir sicher.