Wie Parkour meine Lebenseinstellung radikal änderte

Sei dir bewusst, wenn du mit Parkour anfängst, wirst du nie wieder so über die Welt und dein Leben denken, wie du es jetzt gerade tust.

Das hat mir damals eine sehr gute Freundin so gesagt, bevor sie mich mit in diese Welt nahm. Ich konnte damit nicht wirklich etwas anfangen, denn “Parkour, das ist doch eine Sportart.” dachte ich mir damals. Warum sich deswegen meine Lebenseinstellung ändern sollte, konnte ich nicht so ganz nachvollziehen.

Heute, drei Jahre später, kann ich es rückblickend absolut unterstreichen. Ich habe meinen Job gewechselt, fühle mich viel ausgeglichener und im Einklang mit meiner Umwelt und habe das Gefühl angekommen zu sein.

 

Vor und über allem steht die Selbstdisziplin

Ich hatte zum Glück noch nie ein Problem damit, mich für etwas zu motivieren, das ich für notwendig erachtete. Deswegen habe ich auch schon einen Eintrag über Selbstdisziplin geschrieben. Im Zusammenhang mit Parkour wurde diese Einstellung trotzdem noch übertroffen. Wenn du dich weiterentwickeln möchtest, gibt es keine Kompromisse. Du gehst raus und bewegst dich, oder deine Entwicklung stagniert. Daran führt kein Weg vorbei. Das versuche ich inzwischen allen Menschen, denen ich Parkour vermittle, genau so weiterzugeben.

Parkour ist kein Sportgerät, das du zwischen Crosstrainer und Hantelbank parkst und zwei Mal im Monat benutzt. Parkour ist das Armband, das du nie ablegst. Das Tattoo auf deiner Haut, das dich immer begleitet.

Von nichts kommt nichts. Haben wir alle schon (wahrscheinlich von unseren Eltern) gehört. Wie so oft, haben sie auch hier Recht. Und Parkour ist die perfekte Plattform, auf der du dieses Prinzip täglich zu spüren bekommst. Wenn ich weiter springen können möchte, wenn ich mich in einer größeren Höhe sicherer fühlen möchte, erreiche ich das nicht ohne dass ich es immer wieder übe. Wenn du diese Voraussetzung verstanden und verinnerlicht hast, wendest du sie auch in anderen Bereichen deines Lebens ganz automatisch an.

 

Die Änderung der Betrachtungsweise – die “Parkour-Brille”

Die wohl nachhaltigste Veränderung, die dir passieren wird. Wir wachsen auf und hinterfragen auf unserem Lebensweg viele Dinge. Irgendwann, wenn wir erwachsener werden, nimmt das Hinterfragen ab. Wir nehmen viele Dinge als gegeben hin – “Wir können sie ohnehin nicht ändern”. Fakten, die eigentlich keine sind, werden in der Gesellschaft als solche anerkannt.

Das beginnt bei den einfachsten, sichtbaren und alltäglichen Dingen. Eine Treppe geht man vorwärts hoch und vorwärts wieder runter. Ein Geländer dient dem Schutz und wird nicht überwunden. Eine hohe Mauer ist ein scheinbar unüberwindbares Hindernis. So werden diese alltäglichen “Hindernisse” vom Großteil der Bevölkerung hingenommen, benutzt und nicht hinterfragt.

Beginnst du mit Parkour, entfernst du dich von diesem Gedanken. Eine Treppe auf ihre eigentlichen “Fakten” reduziert, beinhaltet eben nicht eine Art und Weise, wie du sie zu nutzen hast. Die Fakten sind nur die Höhe, Anzahl und Länge der Stufen und das Oberflächenmaterial. Der Rest ist reine Interpretation. Ein Beispiel, wie man eine Treppe auch interpretieren kann, habe ich auf Video aufgenommen.

Genau das passiert, wenn du Parkour betreibst. Du siehst überall Möglichkeiten, keine Hindernisse. Darüber hinaus beginnst du, die Dinge auf die Eigenschaften zu reduzieren, die sie tatsächlich haben – schlichtweg Fakten. Der Rest kann hinterfragt werden oder wird einfach nicht beachtet.

Die Parkour-Brille trägst du im Alltag ständig. Du siehst Möglichkeiten zu balancieren, Sprünge wo eigentlich nur Kanten oder Abstände zwischen Mauern sind oder Kanten, an denen du dich festhalten könntest.

 

Die körperliche Entwicklung

All das Springen, Balancieren, Hangeln, Klettern, Laufen, Krabbeln etc. wirkt sich natürlich enorm auf deinen Körper aus. Du beginnst dich sehr stark zu entwickeln. Muskeln passen sich am schnellsten der veränderten Belastung an, gefolgt von Bändern, Sehnen, Gelenken und schließlich Knochen.

Wenn du lernst dich effizient zu bewegen, sucht sich dein Körper automatisch die effizientesten Proportionen.

Schritt für Schritt entwickelst du dich körperlich weiter, wenn dein Training ausgewogen gestaltet ist. Ich werde in einem separaten Artikel noch auf das Lernen und Trainieren von Parkour eingehen. An dieser Stelle möchte ich nur darauf hinaus, dass sich deine Betrachtungsweise gleichzeitig mit deinen Fähigkeiten entwickelt. Je weiter und höher du springen kannst, desto mehr Möglichkeiten wirst du in deiner Umgebung erkennen. Dein Selbstbewusstsein wächst währenddessen stetig mit. Deine Parkour-Brille wird immer schärfer, immer präziser. Du lernst dich selbst und deine Umgebung viel besser einzuschätzen.

 

Der Einfluss auf deine Lebenseinstellung

Nach einer Zeit, bei mir hat es etwa 6 bis 8 Monate gedauert, macht sich diese Entwicklung sehr stark in deinem Gehirn bemerkbar. Bei mir hat es damit angefangen, alles auf seine eigentlichen Fakten zu hinterfragen und reduzieren. Zuerst nur an der Oberfläche, dann immer tiefer. Gefühle, Freundschaften, Beruf, Ernährung, Werte und Entwicklungen der Gesellschaft. Einfach alles. Mit dem Ergebnis, dass sich meine Meinung zu vielen Dingen radikal geändert hat. Anfangs auch nur im kleinen Rahmen und dann immer großflächiger. Wie ein Brand, der sich ausbreitet.

Nichts blieb von der Parkour-Brille, die ich durch den rein physischen Kontakt mit Beton, Stein und Teer kennengelernt hatte, verschont. Sie ist eine tolle Fähigkeit, Dinge in deinem Leben knallhart in die Waagschale zu legen. Wie bei einer Zwiebel entfernst du Schicht für Schicht du die unwichtigen Pseudo-Fakten, bis du bei den eigentlichen Fakten angekommen bist.

Auf diesen Weg habe ich viele Pseudo-Fakten aus meiner Denkweise entfernt. Meine Lebenseinstellung und meine Betrachtungsweise gegenüber vieler Dinge hat sich radikal verändert. Das wünsche ich allen Menschen, deswegen versuche ich so viel wie möglich davon weiterzugeben. Du hast den ersten Schritt schon geschafft – und hast bis zum Ende gelesen. Jetzt liegt es an dir, was du mit dieser Information anfängst.