Ein Wegweiser zu mehr Selbstdisziplin

Bevor du mit dem Artikel loslegst, möchte ich eine Sache vorab klarstellen: Du wirst nicht disziplinierter dadurch, dass du meinen Text durchliest. Oder ein Buch zu dem Thema. Ich kann dir keine “Die fünf Schritte zu mehr Selbstdisziplin”-Anleitung geben. Zumindest nicht in Form eines Textes, mit dem ich viele Menschen erreichen möchte. Ich kann dir allerdings zeigen, in welche Richtung du gehen musst, welche Fragen du dir selbst stellen solltest und welche Methoden dabei helfen. Du musst dich nur darauf einlassen.

 

Dein ungeliebter Mitbewohner

Wir alle kennen ihn. Bei den einen tritt er öfter in Erscheinung als bei anderen, für viele scheint er ganz und gar unüberwindbar. Fast alle von uns begegnen ihm regelmäßig, und doch haben sich die wenigsten überhaupt schon mal vorgestellt wie er überhaupt aussieht. Ich tu es zugegebenermaßen gerade zum allerersten Mal. Und ganz ehrlich, wenn ich mir ihn so richtig vorstelle, sieht er ganz schön seltsam aus, der innere Schweinehund. Aber unabhängig davon, ob er überhaupt eine Gestalt hat oder wie er aussieht, ist er so oder so unsere meistbenutzte Ausrede wenn es darum geht uns zu rechtfertigen, dass wir etwas nicht tun, was eigentlich notwendig wäre. Der klassische Gegenspieler deiner Selbstdisziplin.

Gerade wenn es darum geht, dich zu bewegen:

Ich weiß schon, ich sollte eigentlich mehr Sport machen. Aber ich weiß auch nicht so recht was. Ich melde mich mal im Fitnessstudio an, das hilft bestimmt.

Und was machst du dann da? Ich habe schon öfter gesehen, dass eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio mehr zum schlechten Gewissen beiträgt, als dass sie den Schweinehund überwindet. Du gibst monatlich Geld dafür aus, dass du letztendlich nichts tust. Die Ausreden, dort nicht hinzugehen, entstehen schneller als die Tinte auf dem Mitgliedsvertrag trocknet und mit der Unterschrift lacht der Schweinehund die Selbstdisziplin aus.

Und die ganze Zeit habe ich dabei das Gefühl, dass wir eigentlich aus der völlig falschen Richtung kommen. Wir sehen es als Zwang an, dass wir Sport machen müssen. Ich bin der Meinung, wenn du etwas diszipliniert tun willst, egal was es ist, musst du anders vorgehen.

 

Manchmal musst du einen Schritt zurückgehen, bevor du losmarschieren kannst.

Du kennst das bestimmt auch: Du stehst im Matheunterricht an der Tafel. Du sollst eine Aufgabe vorrechnen. Irgendwann kommst du nicht mehr weiter. Mit deiner Nase berührst du beinahe die Tafel. Du überlegst und grübelst, schaust verbissen auf deine Rechnung. Alles was du im Blick hast, stimmt ganz bestimmt. Aber irgendwo muss doch ein Fehler sein. Bis die Lehrerin schmunzelnd sagt: Geh doch mal einen Schritt zurück. Du tust es, und siehst Teile der Rechnung, an die du dich gar nicht mehr erinnern kannst. So vertieft hast du dich in die Aufgabe. Plötzlich, ganz natürlich erkennst du, dass an einer ganz anderen Stelle etwas schief gelaufen ist. Kaum ist der Fehler korrigiert, kommst du auch schon weiter und wie von selbst zum richtigen Ergebnis. (Kurzer Hinweis für alle die Mathematik nie leiden konnten: Manchmal führt der Schritt zurück im Matheunterricht auch nicht zum Ergebnis)

So wie in diesem Beispiel ist es oft in unserem Leben, vor allem in Hinblick auf Bewegung. Wir sehen nur einen kleinen Teil des Gesamtbilds und kommen so zu vollkommen falschen Schlüssen. Oder wir zwingen uns zu Dingen, die uns nichts bringen und nennen das dann Selbstdisziplin. Wenn du dabei aber feststellst, dass etwas nicht stimmen kann, solltest du vielleicht nochmal nachdenken.

 

Sieh dir alle Fakten an und erkenne echte Notwendigkeiten.

Für mich eine der wichtigsten Tatsachen in diesem Zusammenhang ist: Du hast nur eine Gesundheit. Also solltest du nichts tun oder unterlassen, was ihr langfristig Schaden zufügt: Eine klare Notwendigkeit.

Lässt du ein Gelenk komplett unbewegt, zum Beispiel wenn es nach einer Verletzung fixiert wird, beginnt der Körper bereits nach wenigen Tagen es zurückzubilden. Werden Gelenke jedoch regelmäßig gezielt im vollen Bewegungsumfang (=ROM, Range of Motion) bewegt, werden sie rundum verstärkt und “geschmiert”. Sie werden dadurch grundsätzlich belastbarer, beweglicher und der Bewegungsumfang maximiert sich. Das gleiche gilt für Muskeln. Werden sie regelmäßig gezielt gereizt, passt sie der Körper dementsprechend an, damit sie besser mit dem Reiz umgehen können.

Auf die gleiche Art und Weise lassen sich für alle Bereiche des Lebens, für alle Aufgaben die du hast, echte Notwendigkeiten finden. Dabei musst du im Leben natürlich auch oft in den sprichwörtlichen sauren Apfel beißen. Nicht alles im Leben macht dich glücklich. Bei vielen Dingen bist du erst zufrieden, wenn du sie erledigt hast.

 

Nutze die Notwendigkeiten als Argumente dafür, um etwas zu tun.

Wenn du erkannt und wirklich verstanden hast, dass etwas notwendig ist, fällt es dir leichter etwas dafür zu tun. Argumente dagegen kommen meistens von selbst. Vor allem vom Schweinehund. Zumindest schieben wir es gerne auf ihn. Ich hab meinen inneren Schweinehund schon lange nicht mehr gesehen, vielleicht finde ich einfach zu gute Argumente, und er verliert alle Argumentationen gegen meine Selbstdisziplin.

Wichtig ist, dass du nicht alle Notwendigkeiten von Anfang an als gegeben hinnimmst. Du musst sie immer wieder hinterfragen, vor allem weil sie sich regelmäßig ändern. Paradebeispiel: Du möchtest schlanker sein. Die für viele logische Notwendigkeit: Ich esse ab jetzt nichts mehr (oder weniger radikal: ich esse ab jetzt weniger). Das finde ich sehr problematisch. Nur weil du spritsparend Auto fahren möchtest, gehst du deswegen ja trotzdem noch tanken. Deine persönlichen Notwendigkeiten für das Ziel “schlanker werden” kannst nur du selbst für dich finden, denn nur du selbst kannst auch ausprobieren, welche Argumente deiner Selbstdisziplin helfen.

Gerade dieses Beispiel zeigt auch wieder, dass es keine Musterlösung gibt, denn jeder Mensch ist anders. Und nur du selbst bist in der Lage, die Lösung für dich zu finden, indem du immer wieder einen Schritt zurückgehst, und auf deine eigene Tafel schaust.

 

Der wichtigste Begleiter auf dem Weg zu mehr Selbstdisziplin: Dein Bewusstsein.

Über das Selbstbewusstsein habe ich bereits geschrieben, und wie mir Bewegung hilft, es zu verstärken. Um mehr Selbstdisziplin zu bekommen, nutze ich mein Bewusstsein als Werkzeug. Denn alle der oben genannten Schritte erfordern die Hilfe deines Bewusstseins.

Dein Körper hat die Gabe, viele der andauernd ablaufenden Vorgänge in Abwesenheit deines Bewusstseins durchzuführen, und viele davon schaffen es zum Glück auch nie dorthin. Zum Beispiel die Reinigung deines Blutes oder die Erneuerung von Gewebe. Manche Vorgänge laufen manchmal bewusst, manchmal unbewusst ab, wie zum Beispiel deine Atmung. Nur wenn du dich darauf konzentrierst, nimmst du sie wirklich wahr.

Möchtest du diszipliniert handeln, musst du alle, wirklich alle Rahmenbedingungen in dein Bewusstsein rufen. Egal ob es um Bewegung, Arbeit, Studium oder Dinge des täglichen Lebens geht. Vor allem wenn du Schwierigkeiten hast dich für etwas zu motivieren. Nur dann kannst du die richtigen Notwendigkeiten erkennen und verstehen, die richtigen Schlüsse ziehen und die richtigen Maßnahmen ergreifen. Sehr oft sind unangenehme Dinge notwendig. Wenn du allerdings ausschließen kannst, dass es keinen anderen Weg gibt und du dir aller Folgen bewusst bist, fällt dir auch ein unangenehmer Weg leichter.

 

Wenn du erkennst, dass etwas wirklich notwendig ist, ist es nicht mehr dein Schweinehund der automatisch Argumente dagegen findet – dann hilft dir deine Selbstdisziplin dabei Argumente für etwas zu finden und den Schweinehund zu unterdrücken. Diszipliniert handeln bedeutet für mich, immer wieder bewusst Entscheidungen zu treffen und die notwendigen Schritte zu gehen. Wenn du dich ständig zu etwas zwingen musst (entweder weil du die Notwendigkeit nicht verstehst oder weil es gar nicht notwendig ist), wirst du auf Dauer nur sehr unglücklich.

 

Die Folge für deine Bewegung

Das Ergebnis für Bewegung ist für mich einfach: Du musst alle Entscheidungen, wie du dich bewegen möchtest, bewusst treffen. Wenn du einem Personal Trainer Geld dafür bezahlst, dass er dich anschreit und deine Liegestützen zählt, dann zahlst du ihn dafür, dass er deinen Schweinehund bekämpft. Und das ist auch immer noch kein Problem, so lange du es bewusst machst. Allerdings lagerst du dann die Verantwortung aus und lernst nichts über deine Selbstdisziplin.

Versteh mich nicht falsch, ich finde es sehr wichtig, dass man sich gerade in Bezug auf Bewegung immer wieder informiert und Hilfe sucht. Ich sehe aber die Aufteilung anders: Die Disziplin bringst du selbst mit, da du die Notwendigkeit von Bewegung verstanden hast. Du solltest dir Menschen suchen, die dir beibringen können, wie du dich besser, effizienter und allgemeiner bewegen kannst. Dann wirst du anfangen, echte Fortschritte zu machen und kannst auch an anderer Stelle in deinem Leben davon profitieren.