Lehren als Leidenschaft

Lehren als Leidenschaft

“Dir ist schon bewusst, dass meine Schwester und ich nur wegen dir durch das Abitur gekommen sind, oder?” Mein Gegenüber sieht mich mit großen Augen an. Wir sitzen in einem kleinen Café in München, wir haben uns ewig nicht gesehen. Ich, etwas verdutzt, bedanke mich vorsichtig und erwidere: “Aber ihr habt euer Abi ja selbst geschrieben, da kann ich nichts dafür.” Es ist inzwischen über zehn Jahre her, dass sie und ihre jüngere Schwester Woche für Woche mit mir an meinem kleinen Schreibtisch saßen. Gemeinsam erinnern wir uns an die Zeit, die vielen anstrengenden Stunden gefüllt mit Übungen und Erklärungen, mit Lehren und Lernen. Seit dieser Zeit fasziniert mich das Lehren, ich erkläre mit Begeisterung – wenn ich etwas beitragen kann.

Wie alles begann

Als ich in der fünften Klasse war, fiel mir auf, dass bei mir etwas anders lief. Ich war sehr ehrgeizig, doch aus irgendeinem Grund musste ich nicht so viel Zeit mit Lernen verbringen um gute Noten zu bekommen. Als ich selbst in der sechsten Klasse war, begann ich damit, Schülern in der fünften Klasse Nachhilfe zu geben. Von Anfang an war ich dabei der Überzeugung, wenn ich etwas verstehen kann, dann können das meine Nachhilfeschüler auch. All die Jahre, noch bis in mein Studium, war ich immer gut mit Nachschub versorgt. Anscheinend waren meine Schülerinnen und Schüler so zufrieden mit mir und ihren Ergebnissen, dass sie mich weiter empfahlen. Dabei vertiefte ich mein Wissen und konnte mir obendrein ein Mountainbike, meine erste Gitarre und meinen Führerschein leisten, und das ohne die Hilfe meiner Eltern.

Heute, viele Jahre später, erkläre ich immer noch für mein Leben gern. Ich empfinde immer eine tiefe Freude und starke Genugtuung, wenn ich in meinem Gegenüber einen “Aha”-Moment auslösen kann – der Moment, in dem wahrhaftig verstanden und begriffen wird. Über die Jahre habe ich viele Analogien, Bilder und Eselsbrücken entwickelt, die mir beim Lehren helfen. Mein liebstes Beispiel ist, wie ich mir Lernen, Lehren und Verstehen vorstelle: Das Schlüssel-Schloss Prinzip. Aber vorher muss ich noch kurz einen Ausflug in unsere Evolution machen.

Was unterscheidet uns Menschen von all den anderen Tieren?

Wir alle haben enormes Potenzial. Die größte Qualität, die wir Menschen evolutionsbiologisch mit uns bringen, ist unsere Anpassungsfähigkeit. Im Gegensatz zu allen anderen Tierarten lernt der Mensch größtenteils ontogenetisch (individuell). Der phylogenetische (instinktive) Anteil an Erfahrungen, der unserer Spezies gemein ist, ist im Verhältnis dazu sehr gering. Deswegen kann ein Menschenkind eigentlich unabhängig von seiner Herkunft überall auf der Erde aufwachsen, die dortige Sprache erlernen, sich in die Kultur einfinden etc. Darüber hinaus haben wir es gelernt, unser Wissen an andere weiterzugeben. Wir müssen also nicht jedes Mal von Null anfangen, sondern können unser gesammeltes Wissen für nachfolgende Generationen erhalten. Jeder von uns wird mit einer leeren Festplatte geboren, die er erst noch selbst beschreiben kann. Das alles ist möglich, weil wir lernen und üben können.

Das Schlüssel-Schloss Prinzip

Lernen können wir nur selbst, dabei kann uns niemand helfen. Galileo Galilei sagt:

Man kann einem Menschen nichts beibringen, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.

Wenn ich als Lehrer oder als Coach tätig bin, stelle ich mir vor, ich bin ein Schlüsselmacher. Meine Schüler haben Bereiche in ihrem Gehirn, die ihnen (noch) versperrt sind. Als Coach oder Lehrer ist es meine Herausforderung, ihnen diese Türen zu öffnen. Je länger ich mit einem Schüler zusammenarbeite, desto besser weiß ich, welche Schlüssel bei ihm gut passen. Das heißt, ich kann ihm schneller und zuverlässiger dabei helfen, sein Potenzial zu entfalten. Mit der Zeit werde ich dabei als Lehrer besser. Meine Schlüssel werden präziser, ich kann sie für mehrere Schüler gleichzeitig verwenden. Und genau das macht Lehren für mich zur Leidenschaft und gleichzeitig zur Herausforderung. Dabei sind für mich noch nicht mal die eigentlichen Inhalte relevant. Ich feile einfach gern an dem Schlüssel, bis er in das richtige Schloss passt.

Nach wie vor arbeite ich gerne mit Kindern und Jugendlichen und öffne ihnen neue Wege im Gehirn, die sie dann selbst gehen können. Trotzdem bin ich froh, kein Schullehrer zu sein, der einen festgelegten Lehrplan in einer bestimmten Zeit abarbeiten muss. Denn unter diesem hohen Zeitdruck besteht nicht die Möglichkeit sämtliche Schlüssel durchzuprobieren, bis es bei allen in der Klasse “Klick” macht. Man braucht natürlich einen guten Generalschlüssel, aber man muss immer damit rechnen, dass im normalen Betrieb ein paar Schlösser zubleiben.

Die Rolle von Bewegung

Wenn du sitzt, kann sich dein Gehirn ausruhen. Es hat nicht mehr die Aufgabe, deinen Körperschwerpunkt auszubalancieren oder andere komplexe Bewegungen zu koordinieren. Selbst im Schlaf ist dein Gehirn teilweise aktiver als im Sitzen. Friedrich Nietzsche sagt passend dazu:

Traue keiner Idee, die im Sitzen kommt.

Trotzdem lernen und arbeiten wir meist im Sitzen, obwohl unser Gehirn viel aktiver ist, wenn wir uns bewegen. Ich nutze Bewegung aktiv als Schlüssel, um bei meinen Schülern Potenzial zu entfalten. Die Teilnehmer bekommen einige Anweisungen, machen allerdings selbst Erfahrungen. Dadurch lernen sie eigenständig und unabhängig. Ab und zu gebe ich noch Hinweise oder stelle Rückfragen, doch das Lernen steht viel mehr im Vordergrund als das Lehren. Somit stoße ich nur den Prozess an; die Teilnehmer selbst werden zum aktiven Lernen ermutigt.

Wie sieht das konkret aus? Heißt das, Schüler tanzen bei mir binomische Formeln und Lateinvokabeln?

Auch wenn die Vorstellung interessant ist, hat das Konzept einen anderen Fokus. Kurz zusammengefasst soll es dir dabei helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und zwar indem du bessere Entscheidungen triffst.

Die einzigartige Fähigkeit, bessere Entscheidungen zu treffen

In meinen zwei Artikeln “Übernimm die Kontrolle über dein Leben” und “Der Kreis der Kontrolle” habe ich bereits darüber geschrieben, wie viel Kontrolle du über dein Leben hast. Daraus geht hervor (und da lehne ich mich stark an die Stoiker an), dass du als Einzelperson lediglich deine eigenen Entscheidungen kontrollieren kannst.
(An dieser Stelle empfehle ich dir, dir diese Aussage oder die beiden verlinkten Artikel noch einmal durchzulesen, denn die folgenden Aussagen sind eng damit verknüpft)

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass du alles daran setzen solltest, bessere Entscheidungen zu treffen. Damit schöpfst du dann wirklich das volle Potenzial aus dir und deinem Leben, denn einen anderen Hebel um selbst Einfluss zu nehmen hast du schließlich nicht. Deswegen sind in meiner Lehre folgende Themen wichtig:

  • Die Neugierde, sich auf neue Dinge einzulassen
  • Die Motivation, sich mit einem bestimmten Thema zu beschäftigen
  • Die Formulierung eine klaren, umsetzbaren Ziels
  • Das Bewusstsein, alle Fakten zu sortieren, fehlende Fakten zu recherchieren und sich ggfs. anzueignen
  • Die Übersicht, alle realistischen Optionen mit in Betracht zu ziehen
  • Den Respekt, Mitmenschen mit seiner Entscheidung nicht zu nahe zu treten und keine Gefühle zu verletzen
  • Den Mut, die Entscheidung zu treffen und sie umzusetzen
  • Die Ausdauer, die Folgen der Entscheidung zu ertragen
  • Die Gelassenheit, äußere Einflüsse nicht überzubewerten
  • Die Fähigkeit, zu reflektieren und aus seinen  Entscheidungen zu lernen und
  • Die Erkenntnis, dass die Verantwortung ganz allein bei dir liegt.

Und das alles kann ich dir mit Bewegung erklären. Wenn du dich darauf einlässt, kannst du lernen bessere Entscheidungen zu treffen und dein Potenzial voll auszuschöpfen.

Heute, wie damals schon in der Nachhilfe, ist es mir eigentlich egal, ob ich dir binomische Formeln, die Gravitationskraft oder einen Handstand beibringe. Wenn ich es allerdings schaffe, deine Neugierde zu wecken und dich fürs Lernen und deine eigene Weiterentwicklung zu begeistern, dann hat meine Lehre seinen Zweck erfüllt.