Der Kreis der Kontrolle

Ich mag das Thema Kontrolle sehr gerne. Darüber habe ich bereits vor ein paar Monaten in meinem Beitrag “Übernimm die Kontrolle über dein Leben” geschrieben. Letztes Jahr hatte ich monatelang eine Verletzung im Schulterbereich, in dieser Zeit habe ich sehr viel über den “Kreis der Kontrolle” nachgedacht. Und warum Pilates für mich der personifizierte Kreis der Kontrolle ist – darum geht es heute.

Die stoische Philosophie – uralt aber immer zeitgemäß

Kürzlich bin ich auf die Lehre der stoischen Philosophie getroffen, besonders deren spätere Vertreter Epiktet und Mark Aurel. Ich war sofort fasziniert von ihrer Lehre, da viele meiner Gedanken in ihrer Weltanschauung gleichermaßen vorkommen. Besonders ein Zitat aus den Werken von Epiktet gab mir im Zusammenhang mit Kontrolle sehr zu denken:

“We control our reasoned choice and all acts that depend on that moral will. What’s not under our control are the body and any of its parts, our possessions, parents, siblings, children, or country – anything with which we might associate.”

Wenn das stimmt, bleibt nicht mehr viel in unserem Kreis der Kontrolle. Ausschließlich unsere eigene Entscheidung und alle Tätigkeiten die auf unserem eigenen Willen basieren. Über alles andere, einschließlich unseres eigenen Körpers, haben wir laut Epiktet keinerlei Kontrolle. Auf den eigenen Körper werde ich später noch separat eingehen. Aber was den Rest angeht – unseren Besitz, unsere Familie, unser Land – darüber haben wir keine Kontrolle.

Der Kreis der Kontrolle ist sehr klein

Was bringt uns diese Information? Geht es nach den Stoikern, müssen wir zuallererst akzeptieren, dass unsere Kontrolle auf unseren kleinen Kreis beschränkt ist. Sie sprechen sehr viel von äußeren und inneren Einflüssen. Innerhalb deiner Kontrolle sind die inneren Einflüsse. Verlässt du deinen Kreis der Kontrolle, sind alles äußere Einflüsse. Beschäftige dich nicht mit den äußeren Einflüssen, denn sie sind außerhalb deiner Kontrolle.

Klingt sehr einfach. Im Laufe des Tages regen wir uns allerdings sehr häufig über Dinge auf, auf die wir eigentlich absolut keinen Einfluss haben: Das Wetter, Kollegen, die Bahn oder die langsame Verkäuferin. Überleg dir mal, wie viel Zeit du allein damit verbringst, dich sinnlos über etwas aufzuregen. Beobachte dich gerne im Laufe eines Tages oder einer Woche und achte darauf, wenn du dich aufregst – wenn auch nur innerlich. Überlege in den Momenten, ob du an der Situation schuld bist oder ob du etwas daran ändern kannst. Wenn du feststellst, dass du außerhalb deines kleinen Kreises bist, versuche dich zu beruhigen. Wenn es dir hilft kannst du dir auch im Kopf denken “Ich kann nichts daran ändern.” Wenn du das wirklich übst, wirst du mit der Zeit gelassener werden.

Kontrolle über deinen eigenen Körper

Laut Epiktet (und vieler anderer Stoiker) ist nicht einmal dein eigener Körper im Kreis deiner Kontrolle. Wie ist das gemeint? Das heißt nicht, dass wir alle ferngesteuerte Marionetten sind. Diese Aussage bezieht sich auf die Prozesse in deinem Körper, wie zum Beispiel deine natürlichen Bedürfnisse oder physiologische Vorgänge (Stoffwechsel, hormonelle Prozesse etc.). Die können wir nicht kontrollieren. Allerdings können wir sehr wohl den eigenen Körper gezielt “steuern” und unsere Bedürfnisse interpretieren bzw. beeinflussen. Besonders im Zusammenhang mit Bewegung und Training ist das sehr wichtig. Wir können sehr wohl unseren Körper regelmäßigen Trainingsreizen aussetzen, haben aber keinerlei Einfluss darauf wie sie der Körper verarbeitet. Wir können Schmerzen oder Krankheit nicht ausschließen, können uns aber entscheiden, wie wir mit diesen Symptomen umgehen.

Der richtige Umgang mit äußeren Einflüssen

Du bist konstant äußeren Einflüssen ausgesetzt. Du selbst entscheidest, wie du damit umgehst und ob bzw. wie du auf sie reagierst.

Ein Beispiel: Letztes Jahr im Zeitraum zwischen Mai und Juli war ich sehr übermotiviert was mein eigenes Training anging. Ich habe mich aufgrund einiger äußerer Einflüsse selbst dazu entschieden, teilweise zwei Mal am Tag mit hoher Intensität zu trainieren. Nach einer gewissen Zeit gab mir mein Körper logischerweise zu verstehen, dass es so nicht weitergehen kann. Ich bekam Schmerzen im Bereich der linken Schulter, die immer stärker wurden. Ein typischer äußerer Einfluss. Anstatt mich aber zu entscheiden, auf diesen Einfluss zu hören, fand ich es zu diesem Zeitpunkt sinnvoller die anderen Einflüsse weiter zu verfolgen. Die Folge: eine heftige Zerrung, die es mir unmöglich machte auch nur einen Klimmzug (meine Lieblingsübung) zu machen. Die Heilung dauerte ca. 4-5 Monate. Bei jedem Klimmzug, den ich seitdem mache, muss ich daran denken.

Am Anfang hatte ich große Schwierigkeiten damit. Je mehr ich aber akzeptierte, dass ich selbst schuld war und sich der Verlauf der Heilung nicht im Kreis meiner Kontrolle befand, desto besser konnte ich damit umgehen. Ich wurde gelassener und nahm es einfach hin. Gleichzeitig tat ich alles in meiner Kontrolle, um die Heilung zu begünstigen, zum Beispiel Übungen zur Mobilisierung und Massagen die die Durchblutung förderten.

Meine Haupterkenntnis aus dieser Zeit: Ich betrachte seitdem immer alle äußeren Einflüsse sehr genau und wäge die Folgen meiner bewussten Entscheidungen genauer ab. Und, ich nutze meinen eigenen Spielraum im Kreis meiner Kontrolle mehr aus. Gerade weil ich einen Fehler gemacht hatte, sah ich es als absolut notwendig an alles in meiner Macht zu tun um ihn wieder auszubügeln. Denn darüber hast du in aller Regel die Kontrolle.

Bewegung im Kreis der Kontrolle

Wenn ich an Kontrolle im Kontext von Bewegung denke, komme ich um eine Person nie herum: Joseph Hubertus Pilates.

Joseph Pilates - nannte seine eigene Methode "Contrology"
Joseph Pilates – image from www.pilates.com

Er war der Begründer der heute unter dem Namen “Pilates” bekannten Trainingsmethode. Was viele nicht wissen: Er selbst nannte seine Methode zu seiner Lebzeit noch “Contrology” (ein zugegeben sehr deutscher Begriff – man merkt ihm einfach seine Wurzeln an). Allein daran merkt man seine starke Verbindung zum Thema “Kontrolle”. Als Kind noch häufig von Krankheiten und körperlichen Einschränkungen geplagt, wollte der jugendliche Joseph bereits sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und begann sich intensiv mit dem Thema Bewegung zu beschäftigen.

Seine Methode, die besonders bei Tänzern und Schauspielern zu Begeisterung führte, ist für mich der personifizierte Kreis der Kontrolle. Denn Pilates legt wie fast keine andere Methode (mit Ausnahme vielleicht von Yoga) den Fokus absolut auf die Körpermitte (das “Powerhouse”). Die Fehler die in diesem kleinen Kreis gemacht werden, können auch starke Arme nicht mehr korrigieren. Umgekehrt: Äußere Einflüsse auf die Extremitäten sind leichter zu handhaben, wenn das Powerhouse intakt und stark ist. Vielen Menschen (oft sogar aktive Sportler oder sogar professionellen Athleten) ist dieser Zusammenhang nicht klar. Natürlich führt das nicht immer unmittelbar zu Problemen – aber mit der Zeit werden aus schlechten Gewohnheiten Verletzungen – wie bei mir im letzten Jahr.

Lerne also deinen eigenen Kreis der Kontrolle voll auszunutzen und äußere Einflüsse richtig abzuwägen, damit du auf alles vorbereitet bist.