Auf dem Weg zum systemischen Coach

„Ist das die richtige Methode? Kann ich damit Menschen so helfen, wie ich mir das wünsche?“ Es ist Samstag Abend. Ich bin auf dem Heimweg in der U-Bahn und bin tief in Gedanken versunken. Eben ging der zweite Seminartag des ersten Moduls meiner Ausbildung zum systemischen Business Coach zu Ende und ich bin platt von viel theoretischem Inhalt und noch viel mehr praktischen Übungen. Ich bin fix und fertig und obendrein noch verunsichert, noch dazu bin ich einfach noch nicht überzeugt.

Ich habe es schon wieder getan

Vor inzwischen eineinhalb Jahren habe ich zum ersten Mal den Sprung gewagt. Ich bin aus einer Bilderbuch-Karriere im Produktmanagement in der Elektrotechnikbranche ausgestiegen um mich beruflich meiner größten Leidenschaft Bewegung zu widmen. Hättest du mir vor vier Jahren gesagt, dass ich diesen Schritt mal machen werde, hätte ich dich für verrückt erklärt. Damals war es für mich undenkbar, diese „tolle Chance“ bei einer guten, mittelständischen Firma einfach „aufzugeben“. Heute weiß ich, dass es eine meiner bisher besten Entscheidungen war und ich damit nichts aufgegeben habe, sondern nur an Erfahrungen und Möglichkeiten gewonnen habe.

Und jetzt habe ich es schon wieder getan: Denn ich werde mich jetzt von meiner Festanstellung komplett in die Selbstständigkeit wagen. Sehr wichtig wird dabei das Thema systemisches Coaching, deswegen habe ich jetzt mit der Ausbildung begonnen. In meinem Artikel „Lehren als Leidenschaft“ habe ich bereits über meine Erfahrungen als Nachhilfelehrer und Trainer geschrieben. Durch Freunde und Bekannte bin ich auf das Berufsbild des Coaches gestoßen und habe mich für die Ausbildung entschieden. Sie kostet sehr viel Geld. Geld, das ich eigentlich gut auch gebrauchen könnte, um in meiner Selbstständigkeit noch etwas länger überleben zu können und mehr Zeit zu haben.

Und plötzlich ergibt alles Sinn

Sonntag Morgen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen komme ich im Seminar an. Heute muss für mich die Entscheidung fallen, ob ich die Ausbildung durchziehe oder nicht. Ab dem ersten Modul wird ansonsten der volle Preis fällig, auch wenn man später noch aussteigt – und das ist wie gesagt viel Geld für mich. Zum Einstieg in diesen Tag sprechen wir in Kleingruppen darüber, was wir bisher an den ersten beiden Seminartagen gelernt haben. Die Lerneffekte sind sehr individuell, da wir in den praktischen Übungen überwiegend subjektive Erfahrungen machen.

Kurze Zeit später finde ich mich in einer weiteren praktischen Übung in der Rolle des Coach wieder. Mir gegenüber sitzt eine Kursteilnehmer-Kollegin, die mit einem echten Thema zu mir als Coach kommt. Wir versuchen gemeinsam, ein Ziel für sie zu definieren. Ich fühle mich wie der Nachwuchs-Dirigent eines Weltklasse-Orchesters, der zum ersten Mal das große Orchester leiten darf, obwohl ich gerade mal zwei Tage Dirigentenunterricht bekommen habe. Also konzentriere ich mich auf die Dinge, die ich bereits gelernt habe. Und überraschenderweise wird es ein tolles Konzert. Unser Kursleiter, der die Situation beobachtet, beurteilt den Auftritt hinterher in seinem deutlichen schwäbischen Dialekt mit den Worten „Also ich find, des war fantastisch!“. Ich bekomme eine Gänsehaut. Meine Klientin sagt, da wäre sie alleine nie drauf gekommen. In diesem Moment wird mir klar, wie mächtig ein gutes Coaching tatsächlich sein kann.

Coaching, was ist das überhaupt?

Lange war mir auch nicht klar, was überhaupt die Zielsetzung eines Coachings ist. Und vor allem, worin unterscheidet sich ein Coaching von anderen Formen der Arbeit mit zum Beispiel einem Berater, einem Therapeut oder einem Trainer? Und was macht einen guten Coach aus?

Je mehr ich darüber lerne, desto mehr wird mir bewusst, dass ich bereits als Nachhilfelehrer sehr oft wie ein Coach gearbeitet und gedacht habe. Ein Coach agiert immer im Hintergrund. Der Coachee bzw. Klient verbleibt in der aktiven Rolle. Der Coach hilft dem Klienten lediglich dabei, seine Gedanken zu ordnen und sortieren und auf neue Ideen zu kommen. Das heißt, das Hauptwerkzeug des Coaches sind offene Fragen, die den Klienten zum Nachdenken anregen. Ein Coach maßt sich also nicht an, zu wissen wie der Klient sein Leben zu leben hat. Denn der Coach ist kein Experte für ein bestimmtes Thema, so wie es ein Berater zum Beispiel sein sollte. Der Coach ist lediglich Experte darin, einen Veränderungsprozess zu begleiten. Er tut das, indem er dem Klienten dabei hilft, seine Gedanken zu strukturieren, eventuell zu visualisieren und so aktiv auf ein Ziel hinzuarbeiten.

Darüber, was einen guten Coach ausmacht, lässt sich mit Sicherheit diskutieren. Der Coach selbst muss sich entscheiden, wer er als Coach sein möchte und worin seine Stärken liegen. Ich saß 12 Jahre lang mit Mitschülern und Schülern jüngerer Jahrgangsstufen an meinem Schreibtisch. Sie alle kamen in der Nachhilfe mit einem vordergründigen Thema zu mir, doch meist lag das eigentliche Problem ganz woanders. Ich bin fest davon überzeugt, meine Stärke ist es meine Klienten dort abzuholen, wo sie eigentlich stehen.

Eine sehr kurzweilige Autofahrt

Seit dem ersten Modul der Coach-Ausbildung ist eine Woche vergangen. Eine Bekannte von mir nimmt mich mit dem Auto mit in die Heimat. Eine Freundin von ihr kommt auch mit. Sie möchte ihren Freund am Flughafen überraschen. Ich kenne sie noch nicht, doch wir kommen schnell ins Gespräch. Sie findet es beeindruckend, dass ich meine Ziele so hartnäckig verfolge und dafür bereits zum zweiten Mal einen guten Job mit einer sicheren Zukunft aufgegeben habe. Bald stellt sich heraus, dass sie auch nicht in dem Feld weiterarbeiten möchte, in dem sie in ein paar Monaten ihr Studium abschließen wird. Sie scheint schon ein Ziel zu haben, doch weiß noch nicht so recht, wie sie dort hinkommen soll. In dem Moment erwacht mein Coaching-Instinkt, denn das Thema könnte nicht besser passen. Ich drehe mich in dem Beifahrersitz leicht zur Seite, damit ich sie auf dem Rücksitz besser sehen kann. Und dann spiele ich den Dirigenten, wie ich es gelernt habe. Ihre Gedanken kommen und gehen, mit der Zeit sortiert sich alles ein wenig mehr. Probleme werden zu Möglichkeiten, Ideen werden zu konkreten Zielen, die sogar in greifbarer Nähe sind.

Nach einer Stunde Fahrt blickt sie auf die Uhr mit den Worten “Waren wir jetzt zwei Stunden unterwegs?” Ich werte das als Signal, dass es sehr intensiv war. Ihr leicht errötetes Gesicht deutet auch darauf hin, dass die Sitzung vorbei ist. Als wir kurze Zeit später den Flughafen erreichen, bedankt sie sich bei mir. Bevor sie in das Auto eingestiegen ist, wusste sie noch nicht, dass sie mit etwas mehr Gewissheit bezüglich ihrer Zukunft wieder aussteigen wird. Und sie hat mich dabei sehr glücklich gemacht.

Das unglaubliche Gefühl helfen zu können

“Wow, ich finde das faszinierend wie gut das funktioniert!” sagt meine Bekannte, kurz nachdem wir ihre Freundin abgeladen haben. “Ich würde es dir auch abnehmen, dass du das schon seit fünf Jahren machst.” In dem Moment kann ich es nicht vermeiden, richtig stolz zu sein. Ich habe das Gefühl, meiner Mitfahrerin richtig geholfen zu haben. Und wieder, wie in der Situation oben beschrieben, glaube ich an das systemische Coaching als Methode. Bevor die Mitfahrerin das Auto verließ meinte sie noch: “Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.” Für mich ist das wie ein Lottogewinn. Als Coach kann ich nicht viel mehr tun. Aus ihrer Unsicherheit wurde innerhalb von einer Stunde eine gewisse Klarheit, auf die sie jetzt aufbauen kann. Und wer weiß, vielleicht sitzen wir ja in einem Monat wieder gemeinsam im Auto.

 

In ein paar Wochen geht es für meine Kollegen und mich schon weiter zum nächsten Modul in der Ausbildung zum systemischen Coach. Ich kann es schon jetzt kaum erwarten, weitere Methoden und Werkzeuge kennenzulernen und sie an meinen Mitstreitern auszuprobieren. Ich freue mich, auf diesem Weg zu sein und bin sehr gespannt, wem ich damit in Zukunft noch helfen kann.